Locker vom Hocker: Unwissen! – von Susann Kinghorn

Liebe Leser!
Heute hat jeder seine eigene Meinung über sämtliche Themen der Welt – meist über irgendwelche sozialen Netzwerke -, und er äußert sie lautstark und im Brustton der Überzeugung, egal, wie wenig Ahnung er auch davon hat.
Krehti und Plehti hat plötzlich über Facebook und Twitter ein Gefühl der Macht bekommen, das bedeutet: ,,Ich darf meinen Senf dazugeben!” Dabei wird der wohl wichtigste Aspekt aus der Gleichung einfach weggelassen. Ungefragt seine Meinung über eine bestimmte Begebenheit äußern sollte man nämlich allenfalls nur dann, wenn man wirklich weiss, worum es geht. Stattdessen werden meist irgendwelche nichtsagenden Phrasen der Ignoranz von sich gegeben. Um ein Beispiel zu nennen: Als eine junge Swakopmunder Frau vor geraumer Zeit ihre kleine Tochter erstickte, hatte Hinz und Kunz wiedermal seine scharf-beißende, feste Meinung dazu. Natürlich via Sozialmedium, wo gilt: Große Klappe, nichts dahinter! Die inhaltslose, abgedroschene Phrase dieser einfallslosen Gnus lautete in etwa wie folgt: “Wie kann eine Mutter so grausam sein und ihr eigenes Kind töten!” Nicht einer hatte den Mut, aus der geistlosen Monotonie auszubrechen und sich einmal die Frage zu stellen: “Wie kann es dazu kommen, dass eine Mutter das, was ihr am liebsten ist, aus der Welt schafft?” Und keines dieser Herdentiere hat mal einen Ge-dankensprung heraus aus der Schablone gewagt: “Wie verzweifelt muss diese junge Frau gewesen sein, dass ihr nur dieser eine schreckliche Ausweg blieb! Vielleicht war es der Vater des Kindes, der sie verlassen hat, das Geld, das nicht mehr reichte, Misshandlung des Kindes und/oder der Mutter?”
Dann passiert es auch regelmäßig, dass irgendwer das Foto eines krebskranken Menschen auf Facebook packt mit der Aufforderung: Dieses Kind /dieser Mann/diese Frau hat Krebs. Zeig Gefühl und tippe ein “Amen” ein! Und schon wird mit einem automatischen Tippen der PC-Maus haufenweise das Wort Amen getippt, obwohl es sich meist um eine unbekannte Person handelt. Außerdem: Als wenn dem Kranken dadurch geholfen ist! Und warum überhaupt ein Amen? Amen wird korrekterweise übersetzt mit “sich fest machen in, sich verankern in, sich ausrichten auf Gott”. Und Amen ist das Schlusswort nach einem Gebet. Was hat denn das damit zu tun, dass man angebliches Mitgefühl mit einem krebskranken Menschen zeigen will? Vielleicht kann jemand mich da mal aufklären?!
Als Fidel Castro verstarb, bildeten sich auf Facebook zwei starre Meinungsfronten: Die einen verherrlichten ihn als heldenhaften Revolutionär, die anderen verdammten ihn als menschenrechtsverletzenden Diktator. Ich vermute, dass 90% dieser Meinungsgeilen kaum etwas über ihn wissen.
Ihre Susann Kinghorn, die sich wünscht, dass WIR alle mehr die Grauzonen und weniger ein Schwarzweiß-Bild sehen

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