Locker vom Hocker: Es ist kompliziert!

Liebe Küstenleser!
Am 2. Mai ist Vekuii Reinhard Rukoro in Okahandja zum Führer der Rote-Flagge-Herero gekürt worden. Der 1954 in Otjiwarongo geborene und studierte Rechtsanwalt trat somit die Nachfolge des im vergangenen Jahr verstorbenen Chefs Kuaima Riruako an. Als traditionellen Führer darf man Rukoro eigentlich nicht bezeichnen, wie es auf Wikipedia heißt, denn der Geschäftsmann, der zuerst die First National Bank und dann das Finanzinstitut Sanlam leitete und heute Geschäftsführer des Produzentenunternehmens Meatco ist, gehört nicht zur Traditionslinie des Hauses Tjamuaha/Maharero. Clara at Rukoro's inauguration May 2015
Als der damalige Hererohäuptling Samuel Maharero nach der gegen die Deutschen verlorenen Schlacht am Waterberg am 14. August 1904 nach British-Betschuanaland (heute Botswana) floh, wusste er, dass er nicht mehr nach Namibia zurückkehren würde, schon allein wegen des Einreiseverbots, das die südafrikanische Mandatsregierung über ihn verhängt hatte. Deshalb beauftragte er 1920 seinen ältesten Sohn, Frederik Maharero, den in Südwest-Afrika lebenden Hosea Kutako zum Führer zu ernennen. Der Tradition nach hätte eigentlich Frederik die Nachfolge seines Vaters antreten sollen, aber Samuel Maharero muss Hosea Kutako wohl als den fähigeren Kandidaten angesehen haben. In der Tat verstand letzterer es, sein Amt als Jonglierer zwischen Aufrechterhaltung der stolzen Hererotradition und gleichzeitiger Loyalität der südafrikanischen Administration in Windhoek gegenüber auszuüben. Da die südafrikanische Administration – ebenso wie schon zuvor die deutsche Kolonialverwaltung – keine Häuptlinge mehr zuließ, wurde Kutako bereits am 1. November 1917 offiziell zum „Headman of the Herero of Windhoek and Klein Windhoek”

 Von links: Die drei Swakopmunder Hererofrauen Tjaurombande Ujerua, Uakotoka Kandinda und Ramana Kandonga tragen stolz ihre selbstgenähten roten Kleider und Schürzen, auf denen das Bild ihres neuen Hererohäuptlings Vekuii Rukoro zu sehen ist. Foto: Privat!

ernannt und am 1. Juli 1925 dann zum „Senior Headman of the Herero” und damit zum Sprecher aller Herero in Südwestafrika.
Begonnen hat der Bruch mit der Tradition im Grunde bereits mit dem Entschluss der deutschen Schutztrup-pe, den damaligen traditionellen Hereroführer der Ovambanderu, Nikodemus K-vikunua, 1896 hinzurichten, da er gegen die Deutschen rebellierte. Den damaligen anfänglichen Schulterschluss mit Samuel Maharero, dem Gruppenführer der Ovaherero aus dem Maharero Royal House, kann man eventuell als den ersten Riss im Gewohnheitsgefüge der Herero-Häuptlingswahl betrachten.
Bis heute hält der Konflikt zwischen der althergebrachten und einer modernen, ,,praktischeren” Sichtweise bei der Wahl eines Herero-Oberhauptes an. Obwohl wieder Hunderte von Rote-Flagge-Herero und etliche Grüne-Flagge-Herero diesen Monat der Krönung Rukoros in Okahandja beiwohnten, blieben auch etliche – vor allem Zugehörige der Grünen-Flagge und We-ßen-Flagge – der Wahl fern. Viele akzeptieren kein Oberhaupt ALLER Herero. Die meisten Okahandja-Herero (Rot) befürworten die Häuptlingschaft der Nachkommen Samuel Mahareros (Alfons Maharero bis zu seinem Tod 2012 ), die Omaruru-Herero (weiß) unterstützen vor allem das Zeraua Royal House, und die Ovambanderu (grünen Ost-Herero) stehen größtenteils dem Nguvauva-Stamm bei (Munjuku II Nguvauva bis zu dessen Tod 2008). Auch innerhalb der verschiedenen Gruppen gibt es wiederum Zerwürfnisse, alles in allem eine sehr komplizierte Angelegenheit, die sich wohl nie in Wohlgefallen auflösen wird.
Ramana Kandongo und Tispi Maendo, die beiden Herero, die ich am besten kenne und die zu den Rote-Flagge-Herero gehören, sind jedenfalls mit großer Freude zur Wahl Rukoros gereist. Für läppische N$ 150,- konnten sie mit dem Bus nach Okahandja fahren (ein mitgenommenes Zelt diente an dem Wochenende als Behausung) und bekamen ein großes Stück Rindfleisch, das sie auf ihrem Feuer vor dem Zelt brieten. Außer den N$ 150,-, dem Zelt und einer Decke mussten sie jeder ein Messer zum Fleischverzehr mitbringen. Die N$ 150,- reichten sogar für einen Obolus, der in einer Gemeinschaftskasse der Herero landete.
Mögen die Herero es irgendwann schaffen, den Schritt in die Moderne zu machen, in den Bereich, wo Fraktionen und Gruppen eher eine Randerscheinung sind und es ums Überleben geht.
Ihre Susann Kinghorn

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