Locker vom Hocker: Bis in alle Ewigkeit?

Das Versprechen auf Lebenszeit bei einer christlichen Trauung ,,Bis dass der Tod euch scheidet” ist eine solch gewaltige Herausforderung, dass der Düsseldorfer Pfarrer Hans-Georg Wiedmann vor über 30 Jahren bereits vorschlug, diese Klausel in der Kirche etwas abzuschwächen. Statt dem hormondurchtränkten Pärchen im Zustand des quasi Deliriums dieses monumentale Gesetz um den zarten Hals zu hängen, schlug Wiedemann eine mildere Form der Zwangsjacke vor: “… solange es gutgeht”!
Wiedemann hat meine Stimme, obwohl ich jedes Ehepaar bewundere, das es bis ins hohe Alter geschafft hat, sich treu zu bleiben. Ein Leben aber hat manchmal eine seeehr lange Zeitspanne, und in dieser halben Ewigkeit kann so einiges schieflaufen, was ein Versprechen ,,bis zum Tode” zur Hölle werden lässt.
Wenn ein einziges Leben bereits endlos scheinen kann, wie ist es dann erst um die Ewigkeit bestellt? Wollten Sie ewig leben, liebe Leser? Stellen Sie sich das einmal vor: kein Ende in Sicht! Ich glaube kaum, dass wir wirklich intensiv leben könnten, wenn unser Dasein für immer wäre.

 

 

Symbol der Ewigkeit

 

 

 

Als der König von Ithaka, Odysseus, auf seiner Reise nach der Schlacht von Troja von der ,,schönlockigen” Kalypso auf der Insel Ogygia verführt wird, verspricht die Meernymphe ihm ewige Liebe, ewige Jugend, ja, Unsterblichkeit, wenn er sie ehelichen würde. Obwohl der griechische Sieger über die Trojaner den Reizen des antiken Luders durchaus nicht abgeneigt ist, beschliesst er nach sieben Jahren: Genug ist genug!
Odysseus, du bist mein Mann! Statt den leichten Weg einer Dauerkarte für Sex und ewige Jugend zu wählen, entscheidest du dich für eine gefährliche Rückreise nach Ithaka – über stürmische See, begleitet von der Ungewissheit, ob deine Frau Penelope nach den vielen Jahren deiner Abwesenheit nicht schon längst einen anderen Freier geehelicht hat, – und verzichtest auf die Unvergänglichkeit, nach der viele Menschen bis zur heutigen Zeit streben.
Zurück auf der Insel Ogygia und gefangen in Unsterblichkeit bleibt die Tochter des Atlas, Kalypso. Ich weiss nicht, wie es bei Ihnen ist, liebe Leser, ob Sie sich an die Ewigkeit klammern oder sie verdammen, aber mir sprechen die folgenden Worte der Kalypso an ihren geliebten Odysseus zu Herzen (Autor ist mir leider unbekannt): ,,Ach, Odysseus, könnte ich doch diesem ewigen Grün entfliehen! Könnte ich doch mit diesen Blättern gehen, die gelb werden und abfallen, könnte ich doch mit ihnen den Augenblick leben! Wissen, dass ich sterblich bin. Ich beneide dich um dein Alter, ich wünsche es mir…und ich träume von mir als von einer anderen: alt, weißhaarig und hinfällig; und ich träume davon zu spüren, wie mich die Kräfte verlassen, wie mich jeder Tag dem Großen Kreislauf näher bringt, in den alles zurückkehrt und in dem alles von neuem beginnt; die Atome zu zerstreuen, aus denen dieser Körper einer Frau besteht, die ich Kalypso nenne. Statt dessen bleibe ich hier, betrachte das Meer, das sich ausdehnt und zurückzieht, fühle mich als sein Ebenbild, leide unter dem Überdruss zu sein, der mir das Herz zuschnürt und von dem ich nie erlöst werden kann – und dem Schreck angesichts der Leere der Ewigkeit.”
Ihre Susann Kinghorn, die miterleben möchte, wie die Adern auf dem Handrücken den verknoteten Tauen eines Schiffes zu ähneln beginnen

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