Leserbrief: Nur mal so….

Liebe Küstenleser, geliebte Dinosaurier!
Warum Dinosaurier? Nun, irgendwie finde ich, passen wir in vielerlei Hinsicht nicht mehr in diese sich so unglaublich rasend schnell verändernde Welt. Einige 80ste Geburtstage im Familien- und Bekanntenkreis stehen in 2017 an, mein Mann Konrad wird schon 86. Er beherrscht seinen Computer wunderbar, aber mit dem Mobiltelefon hat er so seine Probleme. Von mir wollen wir gar nicht erst reden, ich hasse beides. Im Notfall hilft unsere ,,Rundumversorgerin” Sara, weniger beim PC als beim Handy. Somit ist jedenfalls Afrika jenseits der Sahara zumindest in den Städten bestens global vernetzt. Selbst die Ovahimbas, die sich auf dem Weg zwischen Museum und Strandhotel inmitten ihrer Kinderschar und Souvenirs und dem entsprechenden westlichen Abfall niedergelassen haben, können damit besser umgehen als ich. Zum “Cellphone” gehört natürlich auch ein neuer Haarstil, also jede Menge Plastikhaar, das zu Bündeln gekämmt wie eine extra Halskette getragen wird. Vorbei sind die Tage, wo die jungen Himbafrauen mit ihrem Fellkrönchen ängstlich am Meeresrand standen. Selbst die Katitis (so ca. ein bis zwei Jahre alt) rufen schon “Hi” oder “Hallo Oma” und strecken ihre Hand aus. Immerhin, da Woermann Brock so nahe bei ist, sieht man die Himbafrauen oft bei uns im Laden, halb bekleidet, wie eh und je, vor dem Regal mit Cola und Brot stehen, und natürlich Leckers. Die Kleinen werden später zahnlos sein. Denn auch der namibische Staat nähert sich langsam aber sicher dem Bankrott, obwohl Moodys SA anscheinend nicht zum “Junk State” erklärt hat. Und doch gehts uns noch wunderbar, denn unsere Nachbarn Angola mit 40% Inflation und Mozambique mit 26.8% y/y stehen wahrhaftig ärmer da. Leider wird es ab 2017 keine Bankschecks mehr geben. Konrad ist natürlich schon lange mit elektronischen Zahlungen beschäftigt, obwohl WBSwakop 2015 dabei N$ 3.6 Mio verlor, von denen wir immerhin mit viel Kraftaufwand 2.8 Mio zurück bekamen. Diese Betrügereien erreichen uns fast täglich, auch vor unserem privaten Bankkonto wird nicht Halt gemacht.

 

 

Konrad und Gabi Woermann mit ihrer treuen Perle Latoya in ihrer Wohnung in Swakopmund. Foto: Susann Kinghorn

 

 

 

 

 

ABER wir haben eine freie Presse, und “The Namibian”. Gwen Lister und ihr schwarzer Chefredakteur nehmen kein Blatt vor den Mund. Man fragt sich, wie lange das gut geht. Ob unser deutscher Finanzminister, Calle Schlettwein, der ein zweiter “Schäubele” zu sein versucht, womöglich eines Tages einem “dummen Verkehrsunfall” zum Opfer fallen wird (a la Mexico)?
Gestern sagte mir ein Staatsangestellter, als ich keine Schmiergelder zahlen wollte: “Wieso? ‘To line your pocket’ ist eine allgemeine Krankheit im ganzen Land, es gibt nur sehr, sehr wenige ehrliche Leute.”
Natürlich ist es ein weltweites Problem, auch nicht zuletzt in Europa, aber doch nicht auch in den unteren Gesellschaftsschichten. Ein Familienmitglied war unter anderem gerade in Bangkok gewesen. Wenn man dort mit “Gras” erwischt wird, kostet es 5000 Euro. Wer die nicht hat, wendet sich an die Deutsche Schule, die das Geld vorschießt, bis die Eltern bezahlen, denn sonst geht’s ins Kittchen. Das ist ja noch in Ordnung, es könnte nämlich auch sein, dass man gänzlich verschwindet.
Zurück an die Küste: Habe gerade zuverlässig erfahren, dass bei einem Einbruch US$ 100.000.00 in bar = N$ 1.5 Mio) den Besitzer wechselte. Erstens Eigentlich dürfen nur Banken solche Beträge horten und zweitens waren die neuen Eigentümer nicht nur clever, sondern auch besonders gut global vernetzt – UND DOCH, wie Konrad immer sagt: “Wir leben im Paradies”. Der Sommer trifft allmählich auch bei uns ein, das Meerwasser ist erfrischend, es gibt noch immer Langusten, so jemand sie fängt. Wir haben viermal pro Woche eine Haushilfe Sara und dreimal wöchentlich eine Gartenarbeiterin namens Latoya, die Zeit des guten Obstes ist auch nahe, also, was wollen wir mehr!
Wir besuchten neulich einen privaten Wildpark. Beim Frühstück, draußen auf der Terrasse sitzend jagte ein riesiger Elefant ein Nilpferd, das immerhin sein Territorium verteidigen wollte, ins Wasser. Der Hechtsprung vom Nilpferd war olympiadereif.
Außerdem waren wir Anfang November wieder unter unserem großen Baum in der Wüste. Es gab, Gott sei Dank, keine Gnitzen, auch noch keine Mücken, dafür herrliche Spiegeleier mit Speck, Kräutern und Zwiebeln, Obst, selbstgebackenem Brot…und hinterher traditionsgemäß Sekt in Zwieselgläsern.
Silvester feiern wir an ähnlicher Stelle, allerdings unter einem riesigen Felsvorsprung mit großem natürlichem Feuer, Lichtlaternen, d.h. mit Sand gefüllten Papiertüten mit Kerzen und natürlich “Braaivleis”.
Wenn das nicht ein paradiesisches Leben ist!
Euch Allen wünschen Konrad und ich ein besinnliches Weihnachtsfest, so ihr es noch habt. In Namibia heißt es auch schon “happy holiday”- wegen der langen Ferien. Nur die Alten und die Kirchen halten noch an “Fröhliche Weihnachten” fest.
Macht euch selbst eine Weihnachtsfreude und schaut die beiden Tannenbäume in der WB-Mall an. Die Dekoration ist von Kindergarten- und Grundschulkindern der ersten bis vierten Klasse aus Recycle-Material hergestellt worden. Es ist unglaublich, welche Kreativität diese Kinder entwickelt haben. In diesem Sinne, “Fröhliche Weihnachten” und alles erdenklich Gute für 2017 wünschen euch /Ihnen
Gabi Woermann mit Konrad

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